Ich weiß ziemlich genau wann es sinnvoll ist die Klappe zu halten. Dafür wurde ich bei Geburt mit ausreichend Intelligenz ausgerüstet die mich wissen lässt, wann Worte Konsequenzen haben könnten. Dann ist da aber noch der Drang etwas unbedingt tun oder sagen zu müssen. Weil irgendjemand etwas tut oder sagt, was eine Handlung oder Antwort fordert. Weil irgendjemand etwas tut oder sagt, womit er sich oder andere vielleicht sogar schädigt. Dann überwiegt der Drang zu reagieren und ich höre mich reden. Oder sehe mich schreiben. Man nennt dies „Idealismus“. Oder auch einfach nur „Rindvieh“.

Zwei Themen sind bei mir von ganz besonderem Interesse: Bewegung und Ernährung. Das war nicht immer so. Als Kind war ich statisch orientiert und chronisch überernährt. Eine Folge der Obhut ahnungsloser Ernährer ohne jegliche Affinität zu aktiver Freizeitbewegung. Später, als Jugendlicher, wurde das kultiviert mit Interessen in sitzender Tätigkeit und Konzentration auf energiereiche Lebensmittel mit viel Geschmack. No Sports. No Gemüse. Erinnerungen aus früher Kindheit, in denen die weibliche Elternschaft relativ häufig zwischen Übergewicht und Verzweiflung pendelte sorgte dafür, dass zwar auch in mir regelmäßig der Wunsch nagte abzunehmen, dies aber mit der gleichen leidenschaftslosen Aufgabe abgebrochen wurde wie die Mutter es vorscheiterte. Klare Erkenntnis, dass ich nicht der Typ bin für funktionierende Gewichtsreduktion. Schwere Knochen, schlechte Gene. Mist.

Anfang und Ende

Irgendwann geriet ich irgendwie ins GYM80 in Essen-Kray. Ein echtes Bodybuilding-Studio. Damals noch die Kategorie Freizeitsport, in der man leidlich argwöhnisch betrachtet wurde. Ralf Möller trainierte in dieser Zeit auch dort. Bei mir ging es jetzt nicht mehr ums Abnehmen, sondern darum, mehr zu werden. Die Theorie: Wenn das Fett nicht verschwand, musste mehr Fleisch her. Viel Fleisch. So viel wie möglich. Viel essen, viel trainieren. Hauptsache rein und noch zwei Wiederholungen mehr. Bei maximalem Gewicht. Hat alles gut funktioniert, aber irgendwann war Schluss damit. Nach einigen Jahren von Armen über 50cm und eines zum Segelflug tauglichen Rückens fand ich mich verheiratet und fett. Keine Zeit mehr für Muskulatur. Ein Magen mit übermäßigem Fassungsvermögen ist geblieben. Und der Drang ihn zu füllen. Damit befand ich mich wieder am Anfang. Mist.

Der nächste Anfang

Schulter, Rücken und Knie. Impingement, Übergewicht und Arthrosen. Ab einem gewissen Alter ist akuter Harndrang noch der am wenigsten unangenehme Schmerz, der einen nachts aufwachen lässt. Dazu kommen taube Stellen – gern symmetrisch – die an Warnungen erinnern, dass eine unangemessene Lebensweise ebendies verkürzt oder Körperteile abfallen lässt. Unter anderem Beine wegen Nikotinmissbrauch. Ein akutes Knie mit Notwendigkeit zur Arthroskopie war das Initial zur Konsolidierung. Nikotinentzug. Therapeutische Bewegung auf dem Fitness-Fahrrad zur Heilungsunterstützung. Lieblos, aber zwecklose Muskelarbeit an Hanteln und Geräten, weil man ja gerade da war. Jugendlicher Elan gegen Null. Wofür auch? Ich war ja alt. Ergebnis: Knie wieder in Ordnung. BMI auf über 35. Adipositas Grad II. Bluthochdruck, Cholesterin, Fettleber, das ganze Programm. 45 Jahre alt und angekommen in der Normalität. Gegen Schmerzen gab es Sitzen, gegen Langeweile Essen. Kultiviert vor einem Fernseher der nicht groß genug sein konnte. Der Blick auf die Erzeuger offenbarte das ganze Ausmaß des unvermeidlichen Schicksals. Ich brauchte einen größeren Fernseher. Oder einen ganz anderen Weg.

Zeit, etwas zu tun. Diesmal richtig. Beginn der Hirnreinigung.

Zeit, sich mit Wissen zu beschäftigen

Aus heutiger Sicht ist es vollkommen unverständlich, wie man (also ich) sich so lange im Dunkeln aufhalten konnte. Das lag vielleicht daran, dass man sich überhaupt nicht bewusst war, dass kein Licht schien. Und das, obwohl es schon immer Lichtquellen gab. Mit dem Internet ist vieles einfacher geworden. Aber auch gefährlicher. Zu viele Informationen die allesamt die Wahrheit für sich beanspruchen. So viele Leute die etwas erzählen und jeder sagt etwas Anderes. Wie soll man da differenzieren?

Dass jeder etwas Anderes sagt impliziert, dass bei hundert Leuten zwei oder drei Experten sind, zehn bis zwanzig Leute Halbwissen haben, zwanzig bis fünfzig Leute denken, dass ihr gesunder Menschenverstand vollkommen ausreicht und der Rest vollkommen ahnungslos ist. Frei nach dem Motto „Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung“. Von letzteren erzählen zehn Leute haltlosen Unsinn um irgendwie mitzureden oder einfach zu provozieren. Daraus ergibt sich aber nicht, dass man sich aus dem insgesamt Gesagten etwas raussuchen kann, was einem gerade passt. Und erst recht nicht, dass alle “irgendwo” Recht haben.

Die Realität

Im Bereich Sport haben wir das Problem, dass es alle Nase lang (5-10 Jahre) zu Paradigmen-Wechseln kommt. Aktuell ganz spannend zum Beispiel die studienbelegte Erkenntnis, dass die Betonung des Hohlkreuzes bei Kniebeugen oder Kreuzheben gar nicht so richtig ist wie jahrzehntelang angenommen. Keine Sorge, das führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus. Dumm, wenn jetzt selbst diplomierte Trainer aufeinander stoßen, deren Aus- oder Weiterbildungen unterschiedlich lang her sind. Da gibt es trotz beidseitiger Kompetenz schon mal leidenschaftliche Diskussionen die in Glaubenskriege münden.

Im Bereich Ernährung wird es jetzt richtig schwierig. Der menschliche Körper ist so komplex, dass es bei jedem Menschen anders zu funktionieren scheint. Unterschiedlichste Konzepte, von Lowcarb, ketogen über Highcarb, Lowfat, Paleo, Stoffwechseldiät, vegan, carnivor, um nur mal mit Schlagworten um sich zu werfen. Und weil jeder Diskutant einen eigenen Körper mit eigenen Erfahrungen dabeihat, ist dies alles zur Untermauerung seiner Meinung gültig und außerordentlich relevant. Damit ist sich auch jeder sein evidenter Beweis und es kommt schon mal zu leidenschaftlichen Diskussionen die in Glaubenskriege münden. Hatten wir einen Absatz zuvor auch schon, aber jetzt werden die Messer gewetzt. Wenn dann auch noch Bekannte zur Seite springen um sich in Foren gegenseitig die Ahnung zu postulieren, kann der gutgläubig unwissende Interessierte sich nur noch dem Mahlstrom der Zirkularreferenz hingeben. Schöne Scheiße.

Meine Realität

Mir war das alles “too much” und trotzdem zu wenig. Ich wollte echtes Wissen und begab mich wieder auf die Schulbank. Mit 45. Komplett-Reset und neu anfangen. Aus einer simplen Fitnesstrainer B-Lizenz wurde eine komplexe, diplomierte „Medizinischer Fitnesstrainer A-Lizenz“. Inklusive der Bereiche Ernährungsberatung, aber auch Wettkampf- und Leistungsernährung. Athletik- und Functional Training war zwischendurch auch dabei. Später gab es auch noch eine Gruppenfitness B-Lizenz, das ist aber ein anderes, ganz eigenes Thema.

Die Zeit der Weiterbildung kostete eine Menge Zeit und etwas mehr als 40 Kilogramm Körpergewicht. Ich weiß nicht mehr, wie viele Sport- und Diätformen ich ausprobiert habe. Es ging dabei auch nicht ausschließlich darum Gewicht zu verlieren, sondern eher, alles mal gemacht zu haben. Um auch „meinen Leuten“, heißt die Menschen die ich betreut, oder mit denen ich zusammengearbeitet habe, Rede und Antwort stehen zu können. Bereit für Fragen sein, bevor sie kommen. Oder wenn um Tipps und Ratschläge gebeten wurde. Oder um Anregungen zu geben. In den 1980ern habe ich einfach gemacht was mir erzählt wurde. Jetzt habe ich nachgelesen, gefragt und diskutiert. Immer und immer wieder. Seit 2010 geht das so. In einer lebensbestimmenden Intensität. Und ich habe mit der Fragerei, Leserei und Diskutiererei weder aufgehört, noch habe ich es vor. Und bei jeder Erkenntnis fühlt es sich erneut wieder so an wie zu Beginn. Ich kann mich jedes Mal wieder erinnern wie es war, als ich noch vollkommen planlos war. Aus heutiger Sicht betrachtet bin ich sogar sehr, sehr dankbar, in den 1980ern mit meinen Tipps und Ratschlägen niemanden umgebracht zu haben.

Und jetzt?

Ich liebe was ich tue und ich spreche gern darüber. Für die einen ist es sinnloses Gequatsche, für die Anderen Berufung. Dazwischen immer wieder das Irrlicht zwischen Bürde und Fenstersturz. Mein historischer Weg vom verfressenen Mops, über den bärenstarken Bodybuilder, bis hin zur normalgewichtigen Gruppenfitness-Hüpfdohle mit Muskelansatz begleitet mich jeden Tag. Natürlich durch den permanenten, fast täglichen Sport, aber erst recht durch die Beschäftigung mit Ernährung. Es vergeht kein Tag, an dem ich tagsüber nicht von Arbeitskollegen angesprochen werde, was ich gegen das ein oder andere Fettpolster zu tun wüsste. Oder ein schnelles Rezept auf einem Meeting. Anleitungen zum Ändern eines Lebens zwischen der 2. und 4. Etage. Manchmal ist das schon anstrengend.

Es dreht sich fast den ganzen Tag um Ernährung. Aber ich helfe gern. Jederzeit. Muss mich aber auch ebenso mit Leuten auseinandersetzen, denen ich zu extrem bin. Weil ich mittags nur Gemüse oder meinen berüchtigten Haferbrei esse. Ob ich es denn am Magen hätte? Es gibt Leute, die sich auf der Weihnachtsfeier an mir vorbeischleichen. Damit ich ihre Teller nicht sehe. Einen Teller den der übergewichtige Kollege mit einem deftigen „Best of“ deutscher Küche maximal beladen hat. Ich habe so etwas übrigens noch nie kommentiert. Warum sollte ich auch? Wenn es ihm (oder ihr) schmeckt? Sollen sie doch. Sie kommen trotzdem regelmäßig zu mir. Und wenn sie dann erzählen, dass es die Weihnachtsteller auch am Wochenende gibt, dann aktiviert sich das Gewissen von ganz allein. Auch wenn sich nichts ändert. Auch die Quartalstränen die von dem Willen künden, es jetzt doch auch wirklich und ganz in echt zu wollen. Zumindest kurz. Und immer wieder. Irgendwann hören sie aber vielleicht doch zu. Die Hoffnung bleibt.

Ich bleibe dabei: Wenn ich helfen kann, tue ich es. Und das gern.

Warum? Weil ich weiß, wie es geht.

Wenn man über das Thema Übergewicht spricht, bewegt man sich in einem Minenfeld. Und damit sind nicht diese Tretminen aus den Vietnamfilmen gemeint, sondern die, bei denen Godzilla beide Beine verlöre. Prä-Adipositas (alles bis zu einem BMI unter 30) ist das neue Normalgewicht. Übergewicht ist damit anerkannt im Selbstverständnis einer ernährungsunbewussten und bewegungsarmen Gesellschaft. Wenn man dazu oder dagegen etwas sagt, schwingt die betroffene Bevölkerungsgruppe schnell Fackeln und Heugabeln und läuft marodierend Sturm gegen die Ketzer. Christen, Homosexuelle, Afroamerikaner und Übergewichtige sind damit auf Augenhöhe. Man merkt schnell, dass das Thema Ernährung ein ganz sensibles ist. Für die Betroffenen, ebenso wie für die Verteidiger und Verfechter gesellschaftlicher Zwänge (Stichwort: Nietzsche). Da wird man auch mal schnell von einem weißen Ritter niedergeritten. Mit oder ohne Argumenten. Moral schafft Recht.

Das treibt auch einige Leute auf die Barrikaden, wenn ich mich darüber auslasse. So viele Schuhe die im Forum zu stehen scheinen und schnell, schnell, schnell übergestreift werden können.

Anmaßend. Herablassend.
Diffamierend. Das Schwein.

Man muss eines mal zwischendurch ganz klar festhalten: Facebook ist jetzt nicht gerade das Medium, dem die Leute ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Zu viel Smartphone-Modus. Mal eben an der Ampel drauf schauen. Mal eben im Gehen. Vielleicht wird dieser etwas längere Text ja – mit etwas Glück – auf der Toilette gelesen. Das schafft Potential, mehr als die Hälfte gelesen zu haben. Kommentaren im Thread wird diese Ehre nur selten zu Teil. Das ermöglicht gerade den Threads das Potential von Fehl- und Missverständnis und öffnet die Tore zur Fehlinterpretation und Missdeutung. Für Hauen und Stechen ist das ideal, zum Austausch eher hinderlich.

Wenn ich etwas lese hat dies in den allermeisten Fällen meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn ich antworte sehe ich zu, dass ich nicht etwas wiederhole was jemand schon zu einem Posting geschrieben hat. Es geht ja um die Information und nicht darum was ich schreibe. Wenn es schon dasteht, dann muss ich es nicht wiederholen. Primäre Absicht: Fragen beantworten, Anregungen geben und bei den Zielen des Fragenden unterstützen.

Wenn da etwas Falsches steht, dann ist es mir Bedürfnis, das zu korrigieren. „Falsch“ heißt hier dann „nachweislich falsch“. Google, PubMed oder einschlägige Gruppen sind mir dann Reservoir nachzuprüfen, ob ich richtig liege. Ich gebe unumwunden zu, dass ich oft genug unsicher bin und sicherheitshalber nochmal nachschaue. Die Option, dass ich falsch liege besteht natürlich. Wenn dann ein Thread entsteht in dem auf Biegen und Brechen auf den falschen Informationen bestanden wird und ich mir wirklich sicher bin, dann beginnt für mich die Diskussion. Und zwar so lange, wie es dauert. Lieblingsthemen „Eier sind böse wegen Cholesterin“, „Protein schädigt die Nieren“ und „Süßstoff ist schädlich“. Neben noch zwei, drei anderen. Oder waren es vielleicht noch mehr? Viel mehr? Dabei kann es schon einmal zu längeren, auch unerbittlich geführten Diskussionen kommen. Dafür sind diese Themen zu wichtig, als dass man falsche Dinge im Raum stehen lassen kann.

Was ist richtig? Was ist falsch?

Das zu beurteilen ist nicht einfach. Ich will mir an dieser Stelle auch nicht anmaßen immer genau zu wissen, welche Studien gerade aktuell sind. Oder welche Aussage die „richtigste“ ist. Was an dieser Stelle aber fast noch wichtiger ist als zu wissen was denn nun richtig ist, ist das Wissen, was falsch ist. Falsche Ansätze, welche ganz klar widerlegt wurde. Nachvollziehbar. Evident. Belastbar. Die drei Lieblingsthemen von oben zum Beispiel. Diese Aussagen sind nachgewiesen falsch. Und jede Entgegnung der Art „Der eine sagt so, der andere so“ macht mich wahnsinnig.

Ich kopiere an diese Stelle nochmal den Absatz von oben, dann muss man ihn nicht suchen:

Dass jeder etwas Anderes sagt impliziert, dass bei hundert Leuten zwei oder drei Experten sind, zehn bis zwanzig Leute Halbwissen haben, zwanzig bis fünfzig Leute denken, dass ihr gesunder Menschenverstand vollkommen ausreicht und der Rest vollkommen ahnungslos ist. Frei nach dem Motto „Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung“. Von letzteren erzählen zehn Leute haltlosen Unsinn um irgendwie mitzureden oder einfach zu provozieren. Daraus ergibt sich aber nicht, dass man sich aus dem insgesamt Gesagten etwas raussuchen kann, was einem gerade passt. Und erst recht nicht, dass alle “irgendwo” Recht haben.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Wissen mit einem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum oft nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv ist. Warum sollte ich auf Eier verzichten? Oder auf Süßstoff? Oder mein Protein einschränken wo man heute weiß, dass eine Menge oberhalb der DGE-Empfehlung (0,8g/kg Körpergewicht) bei einer Diät außerordentlich hilfreich sein kann?

Jetzt aber Schluss mit der Ketzerei.

Schluss mit Labern

Jetzt werde ich mich hinsetzen und das ein oder andere bei Facebook lesen. Vielleicht gibt es heute ja Leute, die lesen was ich schreibe. Nicht das, was da so anmaßend, herablassend oder diffamierend hinein zu lesen versucht wird. Vielleicht einfach mal Inhalt zulassen. Ich freue mich darauf, wenn es unter diesem Artikel Inhalt gibt. Ich mag Austausch.

Vielleicht schreibe ich gleich noch einen Artikel. Zum Thema “Stoffwechseldiät”. Zu diesem Unsinn brennt es mir seit Monaten unter den Nägeln. Oder “Zucker ist Gift”. Oder, oder, oder …

Jetzt aber wünsche ich dem Leser erstmal die Kraft, diesen Artikel überlebt zu haben.

Ganz in echt.