In der kalten Jahreszeit, außerhalb der Saison, kommen sie wieder in die Studios: Ballsport-Vereine, denen es draußen zu kalt ist. Die nach Weihnachten und Jahreswechsel vollkommen aus der Form geraten sind und denen jetzt, in wenigen Wochen der Neustart in ihrer Ballsportart droht.

Ein Neustart in derart schlechter Form was Muskelqualität, Taillenausdehnung und sportliches Durchhaltevermögen betrifft, dass dem verantwortlichen, sich aber in ebenso bemitleidenswertem Zustand befindlichen Trainer nichts anders übrig bleibt, als seine Truppe einer externen Stelle zu überantworten und zu hoffen, dass ein Wunder geschieht. Zum Beispiel beim Indoor Cycling. Dadurch erreicht das Problem die Öffentlichkeit und damit Dich.

In Horden von 15-30 fallen sie ein und fordern alles und nichts. Ersteres diejenigen, die dazu verdonnert wurden mitzumachen, letzteres diejenigen, die auch ins Kino mitgekommen wären. Oder mit dem Hund raus. Als Instructor besteht jetzt die Aufgabe darin, es allen irgendwie Recht zu machen. Motivierend hinein, coachend hindurch und trainiert und möglichst gesund wieder raus. Soweit die Theorie.

Von Orks, Zwergen und Elfen

In der Praxis hasst Dich ein Drittel der Truppe bereits bevor Du ihnen einen Grund dafür gegeben hast. Lange bevor der erste Beat der Musik ertönt, wenn Du Dir Gehör zu machen begonnen hast, aber an einem Vorhang lautstarker Ignoranz abprallst, haben 2-3 Rädelsführer angefangen, Dir Deine Vorherrschaft streitig zu machen. Mit Sprüchen und der Aufwiegelung des Drittels, dem Deine Position erst nur egal, später aber der Versuch der Demontage Deiner Person zur Unterhaltung wird. Zeit, sich mit dem verbleibendem Drittel zu solidarisieren. Und die einzige Möglichkeit, die folgende Stunde zu ertragen. Mit denjenigen, die Bock auf Indoor Cycling haben.

Optionsarmut als Chance

Die ersten Klänge sind noch leise. Zwei, drei kurze, akustisch deutlich vernehmbare Hinweise von Dir, dass es losgeht. Radeinstellung. Das Rad quer nach vorn, so dass auch der hinterreihigste Teilnehmer sieht, was Du vorn zeigst. Immer wieder der Hinweis, dass die Einweisung ja nicht lange dauert. Nein, noch nicht aufsteigen. Neben das Rad, Hand zum Beckenkamm. Nochmal von vorn, nochmal etwas lauter werden, Nein, nicht aufsteigen, nochmal anfangen. Auch wenn sie es nicht sollen, sitzen die ersten schon wieder auf dem Rad, während Du noch am Anfang der Radeinstellungs-Overtüre bist. Entfernung Lenker zum Sattel. Ein letzter Versuch, dann Aufgeben. Aufsitzen. Körperhaltung. Position. Aufrichten. Brust stolz. Schultern zurück und tief. Herz hoch. Arme, Beine parallel. Der ganze Katalog an Vorschlägen zur Gesundhaltung. Optionen der Zwecklosigkeit. Sinnloses Angebot an einen Haufen Schimpansen, die man lieber vom höchsten Ast eine Baumes stoßen möchte. Die ersten schon im Vollgasmodus. 130er Tritt mindestens. Bevor die ersten versuchen dabei auch noch aufzustehen sind die 8 Minuten des Warmups überstanden und die Bässe des ersten Berges retten Dich aus dem Chaos. Mit der ersten Belastung und dem Lautstärkeregler. Viel Lautstärkeregler.

Widerstand. Stabilität, Haltung, Oberbegriff Technik. Fehlanzeige. Zwangloses Knüppeln zur Musik. Irgendwie. Der eine langsamer, der andere schneller. Oder noch schneller. Arm-, Beinstellung allen Gesetzen des natürlichen Bewegungsablaufes zum Trotz. Out of Range of Motion. Beste Unterhaltung für Physiotherapeuten.

Bass, Bass, Bass. Und immer an die Katze denken.

Ich denke, dass der größte Teil es gar nicht bemerkt, wenn man jetzt die Schwungscheibe rausnimmt. Das ist ein bisschen wie Fußballspielen in Gummistiefeln bei Eiseskälte auf einem zugefrorenen See. Weder Schuhwerk noch Wetter werden wahrgenommen und man versucht halt noch schneller zu laufen, aggressiver in die Zweikämpfe zu gehen und noch härter zu schießen. Und die ganze Mannschaft wundert sich, wieso kein Tor fällt. Außer dem Torwart. Der gehört auch zum Drittel derjenigen, die Dich angrinsen und darauf verweisen, dass es immer die Gleichen sind. Die auch das Training an üblicher Stelle entsprechend boykottieren. Und dass ich mir keinen Stress machen soll. Alles gut.

Mittlerweile ist die Stunde fast rum. Jumps waren noch Ok. Waverides waren mir wegen des hohen Potentials zur Liegestütze heute zu riskant. Für derlei ästhetische Grenzerfahrungen war ich heute nicht mehr zu haben. Technikhinweise kommen nicht an. Als ob ich eine andere Sprache spreche. Lautes, schrilles Pfeifen geht aber. Das schränkt den zu transportierenden Inhalt leider ein. Also nur Raufrunter-Spielchen. Gottseidank sind keine Arthrosekandidaten mit dabei.

Der Trainer wird nach der Stunde zu mir kommen und sagen, dass es total gut war und die ganze Mannschaft sich total auf das nächste Mal freut. Dann aber soll mal richtig Vollgas gegeben werden. Da wäre noch Potential. Richtig platt machen, bitte. Nicht nur Intervalle. Richtig, richtig platt machen. Und gern auch schneller. Und länger im Stehen. Vielleicht kann ich beim nächsten Mal auch mal Scooter und Rammstein spielen. Aber richtig platt machen ist wichtig. Damit alle rechtzeitig wieder fit sind.

Meine Sprache, Deine Sprache.

Ich werde auf seine Wünsche und Anweisungen heute nicht mehr eingehen. Auch keine Einlassung zum Thema Trainingsmethodik. Keinen Hinweis darauf, dass Training nichts mit platt machen zu tun hat. Und dass er, der Trainer das ja sicher auch weiß. Weil er ja auch Trainer ist. Mit Ausbildung. Vermute ich. Na ja, hoffentlich. All das werde ich heute aber nicht mehr diskutieren. Weil ich platt bin. Wie nach jeder Stunde mit den Ballsportlern. Nicht körperlich platt, wie in einem normalen Kurs. Mental platt. Wie nach einer Vertretung für eine Deutschstunde in einer Vorschulklasse mit schwer erziehbaren, portugiesischen Kindern mit Hör/Seh-Schwäche.

Beim nächsten Mal wieder. In meiner Sprache.

Ich bin Indoor Cycling Instructor. Kein Plattmacher.